Auch ein Buch über Gartenbau musste der Parteilinie gehorchen

Der Sammelband “Das Sachbuch in der DDR” handelt vom oft heiklen Umgang der Verleger mit Fakten. Es wird am Donnerstag in Berlin-Pankow vorgestellt.

Schriftsteller Landolf Scherzer.  Christoph Links zitiert ihn mit dem Satz „Die Wirklichkeit ist der größte Feind des Sozialismus“ in einem Sammelband über ein Sachbuch in der DDR.

Schriftsteller Landolf Scherzer. Christoph Links zitiert ihn mit dem Satz „Die Wirklichkeit ist der größte Feind des Sozialismus“ in einer Sachbuchsammlung der DDR.Imago/ari

Zensur kann einer Diktatur helfen zu überleben; Es ist eine traurige Sache für die Betroffenen. Siegfried Lokatis, Leipziger Buchforscher Siegfried Lokatis hat vor vielen Jahren in der Rubrik „Unterm Strich“ der Berliner Zeitung gezeigt, dass Zensur in einem geschlossenen Sammelgebiet auch komische Seiten hat. Im Band „Das Sachbuch in der DDR“ spielt Lokatis die Rolle eines Entertainers. Sein Beitrag mit dem Titel „The Problems of Anglers, Mountaineers, Waiters, and Naked Swimmers“ weist bereits in diese Richtung.

Insgesamt widmet sich eine im Wehrhahn Verlag erschienene Arbeit von Christoph Links und Erhard Schütz dem Versuch, das Genre allgemein auf dem gut kontrollierten ostdeutschen Buchmarkt zu platzieren. Anfangs schwer zu definieren, bis in die 1970er Jahre hinein wurde der Begriff “Popular Science” dem im Westen üblichen Begriff Sachbuch vorgezogen.

Garten- und Parteitag

Siegfried Lokatis stellte fest, dass das Kontrollsystem im Sachbuch sowohl technisch als auch politisch viel komplizierter war als in der Belletristik. Wenn die Hauptverwaltung für Verlage und Buchhandel (also die Abteilung des Kultusministeriums, die über den Druck entscheidet) nur ein paar ideologisch glaubwürdige Germanisten bräuchte, um über die Werke von Volker Braun oder Christa Wolf, Irmtraut Morgner oder Christoph Hein zu streiten, würden Spezialisten aufgespürt werden müssen, um ein Testament für Sachbücher zu finden.

„Für den Modellbahnbau-Leitfaden „Kleine Eisenbahn – ganz schön anspruchsvoll“ wurden nicht weniger als sieben Spezialisten eingestellt“, schreibt Lokatis. In einem Antrag auf Drucklizenz formulierte der Verlag Neues Leben 1960, dass „das Verlagswesen unserer Republik“ auch „auf diesem Gebiet absolute Weltklasse“ sein solle – mit einem Modelleisenbahnbuch. Es wurde veröffentlicht. Ein anderer, „moderne Technik im Gartenbau“, hat sich nicht bewährt. Sie hemme „die sozialistische Entwicklung des Gartenbaus in unserer Republik, insbesondere aus Sicht des 5. Parteitags der SED“.

Der Verleger Christoph Links, Ende 1989 Gründer des ersten unabhängigen Verlagshauses in Ostdeutschland, ist mit drei Beiträgen in dem Buch vertreten. Er bricht thematische Schwerpunkte herunter, ordnet Verlage ein und setzt sich unter dem griffigen Slogan „Die Realität ist der größte Feind des Sozialismus“ mit der ausweglosen Lage des Literaturjournalismus auseinander. Einer seiner Kronzeugen ist Landolf Scherzer, der erbittert um seine Bücher kämpfte.

Christoph Links, Erhard Schütz (Hg.): Ein Sachbuch in der DDR. Wehrhahn, Hannover 2022. 304 Seiten, 25 Euro

Buchpremiere, 17. November, 19.30 Uhr, Bibliothek von Janusz Korczak, Berliner Str. 120–121, Pankow

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