Der Hass ist nicht weg

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In der Landeszentrale für politische Bildung Berlin ist eine Lichtinstallation gegen rassistische Übergriffe zu sehen.
In der Landeszentrale für politische Bildung Berlin ist eine Lichtinstallation gegen rassistische Übergriffe zu sehen. © Jens Kalaene/dpa

Der rassistische Angriff in Mölln hat Leben und Hoffnung gekostet. Nach 30 Jahren gibt es viele negative Einstellungen in der Gesellschaft. redaktionell.

Mölln wirkt weiter. Am 23. November 1992, vor 30 Jahren, starben drei Menschen in den Flammen von Brandsätzen, die Neonazis in zwei Häuser geworfen hatten. Andere sprangen aus dem Fenster und kamen mit schweren Verletzungen davon. Aber Bahide Arslan kann sich selbst, ihre Enkelinnen Ayse und Yeliz nicht retten. Die Frauen von heute sind in der Regel in den Vierzigern, haben Arbeit, Familie und Kinder. Ein Leben, das ihnen verweigert wird. Wenige Monate später brennt in Solingen ein Haus, fünf Menschen sterben. Die Opfer in Mölln und Solingen kennen sich nicht und haben nur eines gemeinsam: ihr Aussehen. Sie sind türkischer Herkunft.

Die Attentate in Mölln, Solingen oder die Nagelbombe NSU in der Kölner Kuebstraße haben tiefe Spuren bei türkischstämmigen Menschen in Deutschland hinterlassen. Bei Mölln mögen die Wunden verheilt sein, aber die Narben erinnern uns wie verborgene Schmerzen daran, dass es Menschen gibt, die hassen und töten, weil sie von woanders kommen als sie selbst. Vorfahren. Selbst 30 Jahre später ist das Vertrauen der Angehörigen der Opfer in den Schutz des Staates, dem sie einst vertrauten, und nicht in die Türkei, erschüttert – und schwer wieder herzustellen.

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Die Ermittler vermuten die Täter aus einem Opfermilieu – mordende Neonazis

In Köln und Molen vermuten die Ermittler, dass der oder die Täter aus dem Umfeld des Opfers stammen könnten. Angehörige werden verdächtigt und Zeugen nicht befragt. Obwohl die wahren Schuldigen im Fall Mölln schnell gefunden und bestraft wurden und die Justiz ihre Arbeit tat, fehlte es einigen Politikern – nicht allen – an Empathie. Bundeskanzler Helmut Kohl wolle nicht zu Beerdigungen gehen, sagt ein Sprecher, er wolle nicht in eine “Trauertour” verfallen. Bestimmte Teile der Gesellschaft und Politik fördern ihr Misstrauen gegenüber Einwanderern. Es gibt keine Lobby für die erste Generation, um sich Gehör zu verschaffen.

Seitdem hat Deutschland gelernt, ein Einwanderungsland zu sein. Der Hass ist nicht verschwunden, und selbst junge Menschen werden diskriminiert, wenn sie eine Wohnung mieten oder einen Antrag mit türkischem Namen stellen. Der Abschluss ist noch nicht einfach, wenn der Vater als Fließbandarbeiter im Kölner Ford-Werk Räder einschlägt; Wie viele der sogenannten Gastarbeiter, die in den 1960er Jahren nach einem Anwerbedeal mit der Türkei eintrafen, konnten sie ihre Familien trotz Rückkehrprämie nachholen.

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Hass ging nicht weg

Die Sensibilität gegenüber konkreten Diskriminierungen steigt jedoch mit dem Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in förderfähigen Berufen und deren scheinbarer Teilhabe an dieser heterogenen Gesellschaft. Ob Medien, Unternehmen, Politik oder öffentlicher Dienst: Vielfalt ist vielerorts Normalität. Natürlich kann der nächste Präsident türkischer Abstammung sein. Wer das mit oder ohne Rhetorik der rechtsextremen AfD nicht versteht, sei herzlich eingeladen, sich zunehmend ausgegrenzt zu fühlen, wenn er sich weiter in rassistische Selbstverteidigung verstrickt.

Klaus Bade, der Doyen der Migrationsforschung, hat schon vor einigen Jahren darauf hingewiesen, dass Zyklen der Inklusion, also des Zusammenkommens von Menschen mit und ohne Migrationserfahrung, Jahrzehnte andauern können. Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration kam 2010 zu dem Ergebnis, dass Deutschland bei einer Einwanderungsgesellschaft angekommen ist. Im selben Jahr wurde Thilo Sarrasin, ein Rechtspopulist im damaligen SPD-Parteibuch, mit seinen einwanderungsbiologischen Thesen zum Umlaufmillionär. Regressionen passieren in der Diskussion – sie finden ihre neuen, in diesem Fall journalistischen, Opfer. Aber 2010 ist nicht 1992: Türken der dritten Generation verteidigen sich öffentlich, schreiben Bücher und zeigen Sarrazin an.

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Und 2022 ist nicht 2010. Allerdings gibt es noch viel zu tun: Wenn zum Beispiel über die Einführung türkischer Fächer in Grundschulen diskutiert wird, brennen immer wieder negative Klischees. In der Bildungsforschung ist Mehrsprachigkeit zweifellos ein Gewinn. Auf Französisch oder Spanisch stellt niemand den Pessimismus des Türkischen in Frage. Ähnlich verhält es sich in vielerlei Hinsicht mit dem in Deutschland praktizierten Islam, wo Pauschalurteile verboten sind, obwohl es zweifellos fanatische Tendenzen gibt, die Kritik verdienen. Erst wenn das Aussehen nicht mehr das zentrale Kriterium ist, wird Hass weiter seines Reproduktionsortes beraubt. Hoffentlich ist es nur eine Frage der Zeit. Wir sind noch nicht da. (Martin Benninghoff)

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