Die deutsche Wirtschaft schwankt zwischen Krisenangst und Zuversicht

KRieg, Luftmangel, Inflation – war da was? Wenn nicht alles nur Heuchelei ist, ist Deutschland erstaunlicherweise in der Lage, mit einer Finanzkrise fertig zu werden, die es nie hatte. Es gibt mehr Arbeitnehmer als je zuvor, Unternehmen melden Gewinne in Milliardenhöhe, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst schneller als erwartet und die Konjunkturindikatoren ziehen an.

Bernd Freytag

Wirtschaftsjournalist Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

Im kommenden Jahr wird das BIP zurückgehen, warnen Ökonomen. Aber worauf sie zählen, ist die Rezession. Die Wirtschaftsleistung wird im kommenden Jahr um 0,2 Prozent sinken, bevor sie sich wieder erholt, prognostiziert der Sachverständigenrat der deutschen Wirtschaft. Und der Düsseldorfer Volkswirt Jens Südekum bringt es auf den Punkt: „Wir können derzeit keine Hoffnung auf eine Corona-Erholung finden, aber die aktuellen Prognosen sind nicht besorgniserregend.“

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Das ist zu schön, um nicht zu passieren, besonders wenn man neun Monate zurückblickt. Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine war schnell klar, dass der Diktator im Kreml Gas als Wirtschaftsinstrument einsetzen wird. Deutschland, das mehr als die Hälfte seines Erdgases aus Russland bezieht, schien von einem Tag auf den anderen am anfälligsten zu sein. Um nicht mehr für die russische Militärmaschine zu bezahlen, wurde auch hierzulande über ein Gasverbot diskutiert – zur Enttäuschung der Branche.

Anfang April fuhr BASF-Chef Martin Brudermüller fort: „Wollen wir mit unseren Augen all unsere Ressourcen verschwenden?“ Er fragte in FAS. Er sah die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg kommen, wenn Deutschland plötzlich russisches Erdgas abschaltet.

Viele andere Ökonomen hielten dies jedoch für eine extreme Übertreibung und eine düstere Prognose, aber im Ernstfall für einen Verlust, viel weniger als während der Corona-Epidemie. Von dem Embargo wollte die Kanzlerin nichts wissen, Putin machte die Fakten. Er hat in diesem Sommer den Erdgasfluss durch die wichtigste Pipeline Nord Stream 1 eingefroren und damit die deutsche Wirtschaft auf eine harte Probe gestellt.

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Ein interessanter Zeitbericht

Interessant ist die Langfristigkeit. Die Gasspeicher sind randvoll und selbst wenn das Gas nicht ausgehen kann, wird Deutschland für neun bis zehn Wochen versorgt. Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass viele Menschen arbeitslos sind oder mehr bezahlen. Auch in der chemischen Industrie, die viel importierte Luft benötigt, ist die Situation nicht beeindruckend. Stattdessen: Die Zinsen scheinen langsam zu steigen, etwa 15 Prozent seit Jahresbeginn. Aber es ist noch zu früh, um klar zu sein: Wachstum ist nur auf höhere Preise zurückzuführen, die die Inflation widerspiegeln, nicht auf verstärkten Wettbewerb.

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Die chemische Industrie hat ihre Preise in diesem Jahr um fast ein Viertel erhöht, die Produktion ist jedoch um 10 Prozent gesunken – wie in vielen anderen energieintensiven Branchen. Industriekunden haben lange wohl oder übel hohe Preise in Kauf genommen, weil sie auf essenzielle Materialien wie Chemikalien, Kunststoffe oder Schaumstoffe nicht verzichten können. Und weil sie keinen Verkäufer finden konnten: Deutsche Pharmaunternehmen profitieren jetzt davon, dass Lieferketten weltweit unterbrochen sind. Aber das wird sich ändern. Der Branchenverband VCI berichtete kürzlich, dass es Unternehmen immer schwerer fällt, ihren Kunden erhöhte Preise anzubieten. Vorstandsvorsitzender Wolfgang Große Entrup warnte: „Wir haben viele Menschen, die um Hilfe schreien.“

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