Inflation in Europa: Die Kluft zwischen den Staaten birgt wirtschaftlichen Sprengstoff

Geld 7 bis 22 Prozent

Gefährliche Inflationslücke in Europa

Die Inflationsrate in Deutschland stieg im Oktober auf 10,4 Prozent

Die Inflation in Deutschland beschleunigte sich im Oktober überraschend stark. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stiegen die Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahresmonat im Schnitt um 10,4 Prozent.

Preiswachstum in der Eurozone bricht Rekord um Rekord. Die Inflation beträgt durchschnittlich 10,7 Prozent. Aber auch die Differenz zwischen der höchsten und der niedrigsten Rate unter den 19 Mitgliedsstaaten ist rekordverdächtig. Enthält Sprengstoff.

NNach den neuesten Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat hat sich die Abwertung der Währung weiter beschleunigt. Die Verbraucherpreise im Euroraum sind im Oktober um durchschnittlich 10,7 Prozent gestiegen und damit erstmals in der Geschichte der Währungsunion zweistellig. Im September lag die Inflation noch im einstelligen Bereich und betrug 9,9 Prozent.

Aber 10,7 Prozent in der Eurozone sind nur ein Durchschnitt. Die Inflationsraten in den einzelnen Mitgliedsländern unterscheiden sich gefährlich. Die Skala reicht von Frankreich, wo die Verbraucherpreise im vergangenen Monat nur um 7,1 Prozent gestiegen sind, bis Estland, wo die Inflation im Oktober 22,4 Prozent betrug. Das ist eine Differenz von mehr als 15 Prozentpunkten und nicht weit unter der Rekordmarke von 19 Prozentpunkten vom Juli.

Gravierende Inflationsunterschiede werden in der Eurozone zu einem riesigen Problem. Und das nicht nur, weil die Europäische Zentralbank (EZB) unterschiedliche Inflationsraten in den Mitgliedsländern mit einer einheitlichen Geldpolitik bewältigen muss, was einfach unmöglich ist. Die unterschiedlichen Inflationsraten führen auch dazu, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Länder der Eurozone abnimmt, wenn die Preise für Waren und Dienstleistungen in einigen Ländern stärker steigen als in anderen.

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Hochinflationsländer in der Eurozone haben nicht die Möglichkeit, den Preisrückstand durch eine Abwertung der eigenen Währung auszugleichen und damit wieder wettbewerbsfähig zu werden. Im globalen Länderwettbewerb hinken Länder mit hoher Inflationsrate hinterher. Eine gefährliche wirtschaftliche Dynamik entsteht. Im schlimmsten Fall werden die Fliehkräfte innerhalb der Eurozone so stark, dass die EZB den Euro durch den Kauf von Anleihen oder anderen Instrumenten zusammenhalten muss.

Quelle: Infografik WELT

Berechnet man die Inflation nach europäischen Maßstäben, liegt sie in Deutschland bei 11,6 Prozent. Damit steigen die Preise in Deutschland schneller als im Durchschnitt der Eurozone. Unter den großen Volkswirtschaften ist die Inflation nur in Italien und den Niederlanden höher. Im Gegensatz dazu ist die Inflationsrate in Frankreich oder Spanien weit davon entfernt, zweistellig zu sein.

Die unterschiedlichen Inflationsraten sind maßgeblich auf die unterschiedliche Wirtschaftspolitik der Mitgliedsstaaten zurückzuführen: Manche Regierungen versuchen mit erschwinglichen Hilfspaketen und großzügigen Subventionen die Energiekosten für Haushalte und Unternehmen niedrig zu halten. Seit der russischen Invasion in der Ukraine sind die Gaspreise um ein Vielfaches gestiegen, und die Strompreise sind derzeit viermal so hoch wie vor einem Jahr.

Frankreich und Spanien bieten ihren eigenen Haushalten und Unternehmen mehr Hilfe als die baltischen Länder, um mit steigenden Preisen fertig zu werden. Auch in Deutschland gelten bis heute weder Strom- noch Gaspreisbremsen. Verbraucher werden bisher nur kurzfristig durch Einmalzahlungen und einen Tankrabatt entlastet.

Quelle: Infografik WELT

Immerhin kündigte Bundeskanzler Olaf Scholz an, am Mittwoch über die Eckpunkte der Kommissionsempfehlungen für Gaspreise zu entscheiden, damit Verbraucher und Unternehmen schnell entlastet werden. Die Inflationsrate dürfte dann wieder moderater ausfallen.

Unterschiedliche Inflationsraten sind jedoch nicht nur eine Folge unterschiedlicher Energiesubventionen. Dies schlägt sich beispielsweise in anderen Preistreibern nieder. In Deutschland zum Beispiel stiegen die Lebensmittelpreise auf über 20 Prozent.

Für Deutschland sind zweistellige Inflationsraten ein gesellschaftlicher Sprengstoff

Im Oktober mussten Verbraucher an der Kasse 20,3 Prozent mehr bezahlen als vor einem Jahr. In anderen europäischen Ländern ist die Inflation in Supermärkten deutlich niedriger, in Italien liegt sie unter 15 Prozent und in Spanien unter 14 Prozent.

Aufgrund des harten Wettbewerbs im Lebensmitteleinzelhandel und der hohen Discounterdichte galt Deutschland als Land mit niedrigen Supermarktpreisen. Möglicherweise geht dieser Vorteil gegenüber anderen Ländern langsam verloren. Sichtbar wird dies bei Nutella Schokocreme. Im vergangenen Jahr kostete es in italienischen Supermärkten rund ein Drittel mehr als in Deutschland. Der Preisunterschied beträgt jetzt nur noch etwa 15 Prozent.

Quelle: Infografik WELT

Für Deutschland sind zweistellige Inflationsraten ein gesellschaftlicher Sprengstoff. Schließlich haben sich die Deutschen an eine niedrige Inflation gewöhnt. Zwischen der Wiedervereinigung und der aktuellen Krise lag die jährliche Inflationsrate mit durchschnittlich 1,8 Prozent deutlich unter zwei Prozent. Und wenn man den Wiedervereinigungsboom herausrechnet, der damals für einen kräftigen Preisanstieg sorgte, lag die Inflation bei nur 1,5 Prozent.

Bei einer zweistelligen Inflationsrate sinkt der Wert des Geldes plötzlich in einer Weise, wie es die meisten Bundesbürger praktisch noch nie erlebt haben. Heute hat der Euro etwas mehr als 50 Prozent der Kaufkraft von vor 30 Jahren. Der stetige Rückgang der Kaufkraft setzt das deutsche Erfolgsmodell unter Druck.

Moderate Preise gehörten hierzulande zu den Rahmenbedingungen. Bisher mussten nur wenige Vermieter die Miete an die Inflationsrate binden, Arbeitnehmer und Rentner können darauf vertrauen, dass die Kaufkraft ihres Geldes stabil ist.

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