Mallorca: Warum der Ballermann einfach nicht totzukriegen ist

Llass uns feiern gehen. Kommen wir zum wohl umstrittensten Ort Mallorcas. Seine bescheidene Herkunft ließ nicht erahnen, was aus ihm werden würde. Es ist keineswegs nur ein deutsches Phänomen, die Spanier sind von Anfang an dabei.

„Ba-Ba-Ballamann“ sang die Erste Allgemeine Unsicherheit aus Österreich. „Mein Herz schlägt immer noch für den Ballermann“, schwärmte Schlagerstar Wolfgang Petry. „Ballermann ist tot“, schrieb er WELT. Was jetzt? „Ba“ als „Bah“, Sehnsuchtsort oder tot?

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Das hängt davon ab, wen Sie fragen. Manche lieben es, andere hassen es und manchen ist es egal. Aber eines ist sicher: Der Ballermann ist eine Sensation, ein Touristenmagnet und das bekannteste Markenzeichen Mallorcas. Den Deutschen als Oktoberfest in München oder Reeperbahn in Hamburg bekannt.

Dazu könnte man Mallorca gratulieren. Andere Urlaubsländer würden (und zahlen) viel Geld zahlen, um die halbe Anerkennung zu bekommen. “Waren Sie schon auf Mallorca?” fragen sie den Rückkehrer. Und dann kommt als nächstes: “Und am Ballermann?”

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Es begann mit einer Strandhütte

Fluch oder Segen ist hier die Frage. Zunächst zu den harmlosen Anfängen. Am Strand von Palma versammelten sich Anfang der 1970er Jahre immer mehr Deutsche in der günstig gelegenen Strandhütte Balneario 6, um gemeinsam zu reden, zu essen und zu trinken. Bald folgten die ersten Fußballvereine und Bowlingclubs.

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Die Strandhütte war nichts Besonderes. Ein niedriges, in Weiß und Orange gepflastertes Gebäude, das mehrere Quadratmeter misst. Und wie der Name schon sagt, gab es mehrere davon. Am Anfang waren es zehn, von Nummer 0 in Can Pastilla bis Nummer 9 in S’Arenal. Eine alle 300 Meter.

Spanischkenntnisse sind bei Ballermann nicht zwingend erforderlich

Spanischkenntnisse sind bei Ballermann nicht zwingend erforderlich

Quelle: Getty Images

Aber die Deutschen genossen nur Balneario 6. Es war in der Nähe ihrer Hotels. Auch die anderen Deutschen standen dort, nippten an ihrem Bier und färbten sich orange wie ein niedriger Kiosk unter der spanischen Sonne.

Das ist das Geheimnis erfolgreicher Gastronomie: Alle anderen sind auch dabei. Aus Balneario wurde Ballermann. Das war einfacher zu sagen, besonders zu später Stunde und wenn der Alkoholpegel höher war. Und die Korruption war lächerlich.

Die Ham Street wuchs

Die Infrastruktur wuchs. Die „König Pilsener Stube“ wurde im Juli 1979 eröffnet und bot erstmals niederrheinisches Fassbier direkt aus der Heimat an. Ein paar Schritte weiter trug die „Schinkenstraße“ Klein-Deutschland bald auf die ganze Straße.

Als 1993 die Strandpromenade renoviert wurde, nahm die Zahl der Spas zu. Balneario bedeutet auf Deutsch „Therme“ oder „Strandbad“ und bezeichnet einen Strandabschnitt, nicht eine Strandhütte. Seitdem gab es 15 Sektionen.

Ein bisschen Klamotten, viel gute Laune - "Oben ohne" steht hier nicht nur auf dem Werbeschild

Ein bisschen Klamotten, viel gute Laune – „oben ohne“ steht hier nicht nur auf dem Werbeschild

Quelle: Getty Images/Sean Gallup

Zur Verwirrung der Stammgäste wurde ihre Reihenfolge umgekehrt. Die Kette beginnt nun mit Nummer 15 in Can Pastilla und endet mit Nummer 1 in S’Arenal. Die Null entfällt. Die alten Kioske wurden abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Geblieben ist das Entertainment Balneari 6, das auch nach der Renovierung dank der Rückwärtszählung in etwa an der gleichen Stelle zu finden war. Es gibt auch Deutsche. Prost.

Das Spektakel nahm Fahrt auf: Eimer für Sangria, nackte Brüste, riesige Baulja-Hallen wie „Bierkönig“, „Almrausch“ und seit 2000 „Megapark“. Deutsche Schlagerstars gaben sich am Strand von Palma das Mikrofon. Bernhard Brink und Costa Cordalis in erster Generation, Jürgen Drews, der „Megapark“ zu seiner zweiten Heimat gemacht hat. Heute sind Mickie Krause, Tim Toupet und Ikke Hipgold dafür verantwortlich, deutsche Partysongs am Leben zu erhalten.

Zonen des Schreckens

Die Bier-Enthemmungszone wurde weiter ausgebaut und zieht nun täglich tausende Besucher an. Besonders im Juli und August, wenn deutsche Sportvereine spielfrei sind und ihre Mitglieder in lustigen T-Shirts erwartungsvoll ins Flugzeug steigen.

Allein im „Megapark“, dieser brüllenden Schreckenskathedrale, finden 4.000 Gäste Platz. Um sich ein Bild von der Menschenmenge zu machen, stellen Sie sich vor, wie 100 Reisebusse vor der Sandsteinklippe am Strand vorfahren, um ihre Fröhlichkeitsladung in der größten Open-Air-Diskothek der Insel abzuladen.

Hebe dein Bein: Im "der Bierkönig" Auch tagsüber herrscht eine tolle Atmosphäre

Legen Sie die Füße hoch: Die Stimmung im „Bierkönig“ ist auch tagsüber super

Quelle: Bildverband/dpa

Irrtum Nummer eins: Hinter Ballermann stehen nur Deutsche. Gar nicht. „Köpi“ wurde vom Mallorquiner Antonio Ferrer gegründet; In den besten Zeiten besaßen er und seine Söhne ein Dutzend Restaurants. „Megapark“ wurde im Jahr 2000 von der mallorquinischen Grupo Cursach Ocio eröffnet.

Irrtum Nummer zwei: Wahnsinn ist wie nirgendwo anders. Es gibt durchaus Unbequemlichkeiten und Auswüchse, die Privatfernsehen und Boulevardzeitungen den staunenden Menschen daheim in Bottrop oder Hamburg-Blankenese von Staffel zu Staffel gerne vermitteln (und manchmal auch provozieren).

Verbote versus Exzesse

Exzess gibt es aber auch anderswo, wo Gäste ihre Hemmungen und Alkoholgrenzen überschreiten. Das ist nicht nur ein Ballermann-Phänomen. Auf Mallorca findet man sie zum Beispiel in ähnlicher Weise in Palmanova oder Magaluf, den Epizentren des britischen Partylebens. Sie finden sie auf der Nachbarinsel Ibiza. Im Winter in Anton in Tirol. Das Münchner Oktoberfest haben wir bereits erwähnt.

Im Laufe der Jahre wurden Anstrengungen unternommen, um das Biest zu zähmen, um den Geist zurück in die Köpi-Flasche zu zwingen. Jedenfalls ein bisschen; aber mit amtlicher Gründlichkeit. „Regelungen für das zivilisierte Zusammenleben“ werden erlassen. Mehr als hundert Paragraphen verbieten die berüchtigten Sangria-Eimer und das allgemeine Trinken von Alkohol auf der Straße.

Spaß überall: Was der Ballermann für Deutsche ist, ist Magaluf für britische Touristen

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Quelle: Bildverband/dpa

Oder das Tragen eines Bikinis in öffentlichen Verkehrsmitteln. Oder schlafen auf Parkbänken. Auch Hellsehen und Kartenlesen sind zumindest ohne behördliche Erlaubnis verboten. Hohe Strafen bei Nichteinhaltung. Das Tanzen auf den Tischen ist erlaubt. Sie können immer noch singen, aber nicht so laut.

Jede Reinigung erregt ebenso viel Aufmerksamkeit wie die beanstandeten Auswüchse. Das ist das Tolle und Absurde an Mallorcas berühmter Partyszene. Was einfach hässlich war, gilt plötzlich als vom Aussterben bedroht.

Wirklich schöner Strand

„Dynamite Hour“ hallte in der Lokalzeitung „Ultima Hora“ wider, als die Bagger sich aufmachten, die missliebigen Gebäude abzureißen. “Etikette für Touristen in Einkaufszentren!” posaunte ein deutscher Fernsehsender, als sich Hoteliers und Gastronomen auf gemeinsame Verhaltensregeln einigten. Und der Sender erklärte – ob mit Freude oder mit Bedauern, ist unklar: „Die Exzesse haben bald ein Ende!“

Auch Ballermann wurde für desolat und tot erklärt, vielleicht die größte Demütigung. „Die Schaukel ist raus“, stellte der „Spiegel“ kühl fest. Ballermann “gab den Sangria-Löffel.” WELT. Aber um Feierfans zu beruhigen: Das hat die Zeitung zwar nicht in den Corona-Jahren geschrieben, als auf dem Friedhof am Balneario 6 zum ersten Mal seit Jahrzehnten tatsächlich Ruhe herrschte, aber ihr „lieber Albtraum-Nachruf“ hallte 2003 wider. Wie man einen Fehler macht.

Sehr, sehr müde - ein verschlafener Tourist am Strand von S'Arenal

Sehr, sehr müde – ein verschlafener Tourist am Strand von S’Arenal

Quelle: Bildverband/dpa

Der Ballermann verändert sich, die Regeln werden strenger, Müll ist ein Problem, Jürgen Drews singt nicht mehr, vegane Döner sind ein Muss auf der Schinkenstraße. Aber Ballermann ist noch lange nicht tot.

Eines sei angemerkt: Sein größter räumlicher Vorteil und Ursprung, die Platja de Palma direkt vor der Tür, ist ein wirklich schöner Strand. Viereinhalb Kilometer lang und sehr gepflegt. Das Klima der Bucht ist das mildeste auf Mallorca. Es lohnt sich, dorthin zu gehen. Dann könntest du zu Hause anrufen: Ich war am Ballermann. Zum Schwimmen. Das wird Ihre Zuhörer ins Staunen versetzen.

Der Text ist ein Kapitel aus dem Buch „Mallorca. Volkstümliche Irrtümer und andere Wahrheiten“ von Frank Rumpf, Klartext-Verlag.

Mallorca Frank Rumpf Ausgabeformat Hardcover, Geb.  mit SU Übersetzt von Maria Andreas Seiten und Umfang 320 Seiten |  13,5x21,5 cm ISBN 978-3-328-60174-6 Preis 22,00 Euro [DE] [inkl. MwSt]    |  22,70 Euro [AT] |  CHF 30.90 [CH]* (* unverbindliche Preisempfehlung) Verlag Penguin Originaltitel English Pastoral.  Dieses Erbe wurde ursprünglich von Allen Lane veröffentlicht

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Quelle: Klartext Verlag

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