Zinsen steigen: Falscher Jubel? „Im Hintergrund entstehen Kollateralschäden“

RAsant geht auf. In der Eurozone und den USA steigen die Zinsen nun in „Riesenschritten“, wie Finanzexperten es nennen. Dafür bekommen die Notenbanken von allen Seiten Beifall – schließlich geht es ja darum, die steigende Inflation zu bekämpfen. Zudem hoffen Sparer auf eine Normalisierung der Zinswelt, in der sie bei milder Inflation endlich wieder etwas für ihr Geld bekommen.

Doch hinter den Kulissen wächst die Angst. Denn steigende Zinsen führen zu Verzerrungen im Finanzsystem. Dies hat sich in der Geschichte immer wieder gezeigt, wenn solche Trendumkehrungen normalerweise zu Rückgängen führen. Diesmal geht der Turnaround besonders schnell, und dieses Mal hat ein Jahrzehnt der Nullzinsen und des Gelddruckens zu besonders drastischen Fehltritten geführt. Jetzt kann er sich rächen.

In einem weiteren großen Schritt hat die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag den Leitzins um 0,75 Prozentpunkte auf zwei Prozent erhöht. Die US-Notenbank ist bereits voraus. Es gibt immer eine Spanne vor, die derzeit zwischen 3,0 und 3,25 Prozent liegt. Aller Voraussicht nach werden sie die Bandbreite am Mittwoch erneut in einem großen Schritt auf 3,75 bis 4,0 Prozent ausweiten. In siebeneinhalb Monaten stiegen die Zinsen in den USA um 3,5 Prozentpunkte.

Aber es geht noch weiter: In wenigen Monaten rechnet der Finanzmarkt mit einem Niveau von 4,5 Prozent in den USA und 2,75 Prozent in der Eurozone. Aber selbst diese Erwartungen können stark unterschätzt werden. „Bei den Zinsen gibt es für Notenbanken kein Endergebnis“, warnt Christian Kopf, Leiter Anleihen bei Union Investment. “Es geht darum, das Inflationsmonster unter Kontrolle zu bekommen, und wenn es zu einem Crash kommt, ist die Einstellung, dass es einen geben wird.”

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Aber genau das ist in der Vergangenheit immer wieder passiert, wenn die Zentralbanken auswichen. Anfang der 1980er Jahre lösten solche Umkehrungen der Zentralbanken eine Schuldenkrise in Lateinamerika aus, gefolgt vom Platzen von Immobilien- und Aktienmarktblasen in Japan Ende des gleichen Jahrzehnts, einer Krise in Mexiko Mitte der 90er Jahre und etwas später eine in Asien. 2007 ließen steigende Zinsen schließlich die US-Immobilienblase platzen.

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Bisher scheint alles ruhig, obwohl die Notenbanken dieses Mal noch schneller drehen als in allen vorherigen Folgen. Aber es knarzt tatsächlich in den Balken. „Kollateralschäden treten im Hintergrund auf“, sagt Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei der Investmentfirma Fidelity.

Auch in Europa wächst die Sorge vor Kollisionen

Ein Beispiel ist der Markt für US-Staatsanleihen, der weltweit größte für Anleihen. Anfang dieser Woche äußerte sogar US-Finanzministerin Janet Yellen ihre Besorgnis darüber, dass der Handel dort versiegt. „Das ist gerade eine kritische Situation“, sagt Römheld. Es gibt praktisch keine Kunden mehr. “Investoren wollen kein fallendes Messer fangen.” Gleichzeitig wächst jedoch das Angebot. Denn die US-Notenbank hat in den letzten Jahren einen Großteil der neuen Staatsschulden durch Gelddrucken aufgekauft. Es absorbierte etwa 3,5 Billionen Dollar an Staatsanleihen.

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Doch nun will die Fed dieses Angebot reduzieren und die Anleihen auf den Markt werfen. “Ich frage mich, wer es kaufen soll”, sagt Roemheld. Wenn niemand da ist, explodieren die Opfergaben plötzlich. Was das bedeutet, hat sich vor allem in Großbritannien gezeigt: Dort war das gesamte Finanzsystem bedroht, als nach den Fehlern der inzwischen zurückgetretenen Premierministerin Liz Truss der Anleihemarkt einbrach.

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Auch auf dem europäischen Markt wächst die Sorge, obwohl die EZB noch keine Schritte unternommen hat, um ihr Anleihenportfolio zu reduzieren. Allerdings sind die Zinsen für deutsche Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren seit Jahresbeginn bereits von minus 0,2 auf 2,1 Prozent gestiegen, in Italien sogar von 1,2 auf 4,2 Prozent.

Das ist immer noch weniger als der Staat vor zehn Jahren gezahlt hat. Allerdings ist die Änderung meist viel wichtiger als das absolute Niveau. Es ist riesig, und das erhöht den Druck auf die Finanzminister, die es finanzieren müssen.

Bauherren haben ähnliche Probleme. Anfang des Jahres lag das Baugeld bei einer Bindung von 15 Jahren im Schnitt bei etwas über einem Prozent, jetzt sind es über vier Prozent. Historisch gesehen ist das auch nicht zu viel, aber wer vor einem Jahr 500.000 Euro finanzieren wollte, musste jährlich 5.000 Euro Zinsen zahlen, also 416 Euro im Monat. Jetzt sind es fast 1700 Euro.

Bei steigenden Zinsen kann sich kaum noch jemand Immobilien leisten. Nach Angaben der Bundesbank gingen die Neuabschlüsse bei Wohnungsbaukrediten zwischen März und August von 32 auf 18,5 Milliarden Euro zurück. Auch das Statistische Bundesamt meldete für die ersten acht Monate einen Rückgang der Bauumsätze um 4,3 Prozent. Allein im August gingen die Auftragseingänge im Wohnungsbau um 24 Prozent zurück.

Seitdem sind weitere zwei Monate vergangen, und der Trend hat sich wahrscheinlich verschlechtert – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und insbesondere in den USA, wo die Zinsen noch stärker gestiegen sind. Es drohen ein drastischer Einbruch des Immobilienmarktes, Insolvenzen von Bauunternehmen und Projektunternehmern. Mit einer gewissen Verzögerung sollten auch die Kurse fallen, und dann stellt sich die Frage, wie sich das alles auf die Banken auswirkt.

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Aber vielleicht lauert die größte Gefahr woanders. „Es könnte systemische Risiken geben, von denen wir heute noch nicht einmal etwas wissen“, sagt Fidelity-Stratege Roemheld. Dies war in der Vergangenheit meist der Fall – der Crash ereignete sich in einem Bereich des Finanzmarktes, dem bis dahin nur wenige Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Wenn dies passiert, sollten die Zentralbanken laut Roemheld reagieren. Dann wird sich der Zinstrend umkehren.

Dies könnte jedoch neue Probleme verursachen. „In den 1970er-Jahren haben die Zentralbanken zu Beginn der Rezession immer wieder die Zinsen gesenkt“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabanka. “Heute wissen wir, dass das ein großer Fehler war.” Deshalb wurde die Inflation nie ganz besiegt, sie flammte immer wieder auf. Dies ist auch diesmal eine Drohung. Die Notenbanken haben daher in den kommenden Monaten nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Andererseits ist das Finanzsystem alles andere als gesund.

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